Licht, Luft, Himmel, Erde

Aiko Miyawakis "Utsurohi" - Installation im MainForum der Treuhandverwaltung IGEMET in Frankfurt am Main, 22. Mai 2004, Die Welt

Konzeptionelle Kunstgestaltung für die IG-Metall. Durch ein Künstlerwettbewerb wurde die Stahlkabelkonstruktion von Aiko Miyawakis für die künstlerische Platzgestaltung des MainForum in Frankfurt am Main ausgesucht.

Von Gerhard Charles Rump

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Sie kann getrost als eine der bedeutendsten Installationen von "Kunst in öffentlichen Raum" in jüngerer Zeit gelten: Das "Utsurohi" genannte Werk der Grande Dame der japanischen Kunst, Aiko Miyawaki, das am Montag im Main-Forum der Treuhandverwaltung IGEMET (ja, die hat etwas mit der IG-Metall zu tun) eingeweiht wurde.


Die verchromte Stahlkabelkonstruktion wurde durch einen internationalen Künstlerwettbewerb ausgesucht, deren Jury-Vorsitzende Ingeborg Flagge, die Direktorin des Frankfurter Architekturmuseums war. Es ist das erste öffentliche Projekt der japanischen Künstlerin in Deutschland, die aus der Werk-Serie ?Utsurohi" schon große Installationen in Barcelona, Paris und in den USA aufgestellt hat.

Nach Frankfurt vermittelt hat sie die dortige Niederlassung der Samuelis Baumgarte Art Consulting (Zentrale in Bielefeld), über die man auch weiterhin an Werke von Miyawaki kommen kann. Obwohl das nicht so einfach ist, denn Aiko Miyawaki verweigert sich dem größten Teil des Kunstbetriebes und zieht es vor, große Projekte im öffentlichen Raum zu gestalten. Hier und da trifft man auf Angebote von früher Grafik der Künstlerin. Für eine 53x65 cm große farbige Arbeit sind etwa 100 000 Yen (etwa 1500 Euro; Yoseido Gallery, Ginza, Tokio) zu veranschlagen.

Was ihre öffentlichen Plastiken kosten, hängt, wie immer, von Ort, Größe und Aufwand ab. Ihr Frankfurter Werk heißt ?Utsurohi", wie alle ihre großen Installationen aus jüngerer Zeit. Übersetzt heißt das so viel wie ?Ein Moment der Bewegung", und in der Tat: Die Edelstahldrähte, wiewohl unter Spannung, sind ständig in Bewegung ? eine sich permanent ändernde ?Zeichnung im Raum" oder in der Luft. Hier berührt sie sich wie von fern mit Lucio Fontana, den sie getroffen hat und die sich gegenseitig schätzen. Was Fontana und sein Konzept von Raum (Serie ?Concetto spaziale", Raumkonzept) für die Malerei war, will Miyawaki in die Skulptur umsetzen.

Aber nicht nur die Luft beschäftigt die Künstlerin, es ist vielmehr das Wasser, das für sie besonders wichtig ist, und Aiko Miyawaki bezieht sich dabei auf Goethe: ? Des Menschen Seele gleicht dem Wasser://Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt es,/Und wieder nieder zur Erde muss es,/Ewig wechselnd." (1779, ?Gesang der Geister über den Wassern"). Auch in Frankfurt erheben sich die Stahlfontänen aus einem Wasserbecken, streben himmelwärts, um wieder in ihrer Verankerung zu versinken. Das Material der glatten Drähte ist ein besonderer Edelstahl, den nur eine Fabrik herstellt. Die Arbeit mit Stahldraht rührt von Miyawakis Zeit als Klavierlehrerin her, es sind im Grunde Piano-Saiten. Und für die Künstlerin hat ihr Werk in der Tat viel mit Musik, zu tun: ?Die Menschen müssen die Musik in sich entwickeln, sie entsteht, wenn der Wind durch die Drahtbögen weht." Es ist gleichsam eine visuelle Musik, ?die man mit dem Herzen hören muss".

Der Wasserspiegel enthält den Himmel, denn Wasser, Luft und Raum sollen durch das Werk akzentuiert und aktiviert werden. Alles Massive löst sich auf, es ist, so Miyawaki, ?eine andere Form von Skulptur."

Eine vor allem, die die Ganzheit meint, deren Schönheit keine objektive Größe. sondern die im Auge des Betrachters ist, und die vor allem auf ?Freiheit" abzielt: Die Freiheit des Denkens, die sich in der Freiheit der Gestaltung widerspiegelt. Einfach: Kunst.

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