Kunst für jedes Budget

16. August 2008, Der Standard

Was wünscht sich Alexander Baumgarte für den Kunstmarkt? "Ich wünsche mir, dass das Bewusstsein von Authentizität und aussergewöhnlichen Qualitäten dem Betrachter wieder deutlicher wird. Der Betrachter soll, in der Flut des kaum noch Konsumierbaren, an der Kunst Leidenschaft entwickeln."

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Vor 20 Jahren gründete der Berliner Alexander Baumgarte sein Kunstberatungsunternehmen. Nach zahlreichen verwirklichten Projekten ist immer noch Pionierarbeit nötig, um Unternehmen kulturelles Engagement nahe zu bringen.

Berlin - Die Berliner sind bekannt für ebenso trockenen wie treffsicheren Humor. Ein solches Beispiel, allerdings aus der Welt der Kunst, findet sich in der Hochglanzbroschüre von Samuelis Baumgarte, einem Art-Consulting-Unternehmen, das heuer sein 20-Jahr-Jubiläum feiert.

Die Installation der lokalen Künstlergruppe "Inges Idee" in der Eingangshalle der Verwaltungszentrale der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) hat nachweislichen Witz. Staufreie Zone heißt sie, und das ist ja angesichts des Auftraggebers kein schlechtes Motto, dessen Busse und Bahnen täglich 250 Millionen Kilometer abspulen.

Natürlich spielt der Faktor Mensch die Hauptrolle, im Alltag befördert die BVG jährlich rund 906 Millionen Fahrgäste. Das Konzept der 200 schwebenden Figuren - sie bilden einen fröhlichen Kontrast zur sonst strengen Architektur des Komplexes - stammt von den Künstlern Axel Lieber, Hans Hemmert, Thomas Schmidt und Georg Zey. Der Vater des zur Jahrtausendwende umgesetzten Projektes: Alexander Baumgarte. "Ich komme aus einer künstlerisch und industriell dominierten Familie", erklärt der 39-Jährige, darstellende und bildende Kunst sind Teil seiner Kindheit, der Vater ist in der Filmbranche tätig, die Mutter (Künstlerin) gründet 1975 die Galerie Baumgarte. Insofern war der Weg, im Anschluss an ein Kunstgeschichte- und Jurastudium gewissermaßen vorgegeben.

1987 gründete er die Kunstberatungstochter, seit dem ersten Großprojekt für die Deutsche Telekom in Frankfurt (1988/89) avancierte es zu einem florierenden Segment. Kunstberatung, das war für ihn im Laufe der Jahre ein klassisches Learning-by-Doing.

Warum Unternehmen dergleichen benötigen? "Unternehmenskultur erlebt eine Innen- und Außenwirkung", resümiert er, "sie könne sowohl als Katalysator für die Bewusstseinsentwicklung am Arbeitsplatz wirken, als auch eine regionale Verbundenheit oder eine internationale Offenheit dokumentieren". "Glasvitrinen mit langweiligen Modellen", erinnert sich Baumgarte, sind also fehl am Platz. Sein Ziel ist ein anderes, nämlich "Corporate Identity und architekturbezogene Kunstkonzeption zu entwickeln". Für Unternehmen, besonders deren Headquarters, aber auch als Teil von großen Immobilienprojekten. Landart findet sich ebenso vertreten wie Großraumskulpturen. Dabei greift er nicht auf fertige im Galerien- oder Messeangebot vorhandene Produkte zurück. Stattdessen wird direkt bei Künstlern beauftragt, bei Rookies ebenso wie bei Szenestars, etwa am Beispiel des Axel-Springer-Projektes.

Schon in den 60er-Jahren setzte der Verlag auf Etabliertes, damals auf Oskar Kokoschka, dessen Blick über die Mauer ein Anknüpfungspunkt sein sollte. Konkret für den Erweiterungsbau des Verlags in Hamburg. Die Wahl fiel auf Frank Stella, der farbenfrohe leuchtende Rechtecke, Halbkreise oder andere geometrische Formen zu Kompositionen von unwiderstehlicher Ausdruckskraft zusammenfügt.

Seit 1997 steht Stellas Farbfeldmalerei synonym für die Bandbreite des Verlagsangebotes (150 Zeitungen und Zeitschriften), die Vielfalt von Print- bis zu elektronischen Medien. Die Wahl des Künstlers entscheidet sich aus dem Selbstverständnis der Werke heraus, die unter der Führung Alexander Baumgartes mit dem jeweiligen Unternehmen vernetzt werden. So auch 2003 für Bertelsmann, als es um die Ausgestaltung der Repräsentanz in Berlin ging. "Unter den Linden 1" vereint Klassizismus und Moderne, dort nehmen Fotografien von Bärbel Möllmann im Casino ebenso wie Stefan Hoderleins Objekt aus aneinandergereihten Dias Bezug auf das kulturelle Leben in der Metropole an der Spree.
 

Wie groß sind die Budgettöpfe, aus denen er so schöpfen darf? "Im Prinzip geht es um alle Größenordnungen, auch Nischenunternehmen fangen sein Interesse, konkret "beginnt es bei 25.000 bis 30.000 Euro und endet im Bereich von fünf Millionen". Der Start erfolgt tatsächlich immer über das für ein Projekt bewilligte Budget, dann erst geht es in die Konzeption bzw. zur Künstlerauswahl. Als größte Hürden in seinem Alltag benennt Baumgarte die stetige Pionierarbeit, Kunst zu vermitteln, schon weil der Mehrwert nur indirekt und mittelfristig sichtbar ist.

Was wünscht sich Alexander Baumgarte für den Kunstmarkt? "Ich wünsche mir, dass das Bewusstsein von Authentizität und aussergewöhnlichen Qualitäten dem Betrachter wieder deutlicher wird. Der Betrachter soll, in der Flut des kaum noch Konsumierbaren, an der Kunst Leidenschaft entwickeln."

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